Rechtswissenschaften versus Wirtschaftsrecht

„Man soll seine Wurzeln nicht vergessen.“ Wer von uns würde diesen Satz nicht unterschreiben? Wer würde verneinen, dass die Fragen „Woher komme ich“ und „Wohin gehe ich“ völlig irrelevant sind?
Diese Fragen hätte ich mir nicht überlegt, wenn ich nicht mit einem  Wirtschaftsrechts-Studenten eine „anregende“ Unterhaltung führte.

Als er hörte, dass ich das „klassische“ Jus studiere, war seine Antwort:“Wenigstens können wir Bilanzen lesen.“ Doch kann man die Materie Jus darauf reduzieren, ob man „Bilanzen lesen kann“? Ich war ehrlich gesagt ein wenig schockiert und nicht bereit, unter Berücksichtigung der restlichen Zuhörer, auf seine Totschlagargumente einzugehen.

Ich hätte mir die folgende Diskussion sowieso genau ausmalen können. Auf folgende Schwerpunkte hätte er sich „spezialisiert“:

  • „geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“
  • „beim „klassischen“ Jus studiert man Sachen, die niemand mehr braucht(z.B. kleines Latinum, römisches Recht)
  • „wir studieren nur die „wichtigen Sachen“(siehe oben)

Aber sind diese Aussagen gerechtfertigt? Darf man seine römischen Wurzeln derart verneinen, dass man sie als „unnötig“ bezeichnet und beim Lehrplan unter den Tisch fallen lässt? Was wäre unsere heutige Rechtsordnung ohne die römischen Wurzeln? Natürlich ist eine funktionierende Wirtschaft wichtig für zukünftigen Wohlstand, aber soll sich Jus nur für wirtschaftliche Aspekte prostituieren lassen?
Ich bin der Meinung, dass es essentiell ist seine Wurzeln zu kennen. Denn wie soll man eine Rechtsordnung für die Zukunft gestalten, wenn wir keinen blassen Dunst haben, wie die heutige Rechtsordnung zustande gekommen ist?

Wirtschaftsrecht ist keine schlechte Idee, aber derart oberflächlich, dass essentiellen Aspekte(wo die Wirtschaftsrechtler immer ins Schwärmen kommen) verloren gehen.

Wir sind schon so weit, dass man jedes Studium auf seine „Wirtschaftlichkeit“ überprüft. Natürlich ist es wichtig den Sinn und Zweck eines Studiums zu hinterfragen. Niemand wird etwas studieren, wenn man die Chancenlosigkeit des Studiums am Arbeitsmarkt kennt. Aber ist es sinnvoll das Studium nur auf die Konstante „Wirtschaft“ zu überprüfen? Wo ist die gesellschaftspolitische Verantwortung der Wirtschaftsrechtler, die mit einem Studium verbunden sein sollte?
Mir kommt es so vor, dass es Wirtschaftsrechtlern am liebsten wäre, alles und jeden unter den Maßstab „Wirtschaft“ zu stellen. Wird bei einem Mord in Zukunft primär die Frage wichtig sein, wer schlicht und einfach vom Vermögen des Verstorbenen profitiert oder wird die Frage im Vordergrund stehen wer der Mörder ist und ob jemanden ein „besonderes Bedürfnis“ darin gelegen hat, denjenigen unter der Erde zu sehen? Werden freie und demokratische Wahlen damit begründet, ob sie „wirtschaftlich“ sind? Wird man in Zukunft die ordentlichen Gerichte und den Rechtsstaat unter den Nutzen/Kosten-Faktor stellen? Wird man die Argumentation vertreten, dass zu viele Verfahren der Wirtschaftlichkeit abträglich und somit, wirtschaftsrechtlich gesehen, unnötig sind? Werden essentielle Grundrechte, die hart erkämpft wurden, mit dem Argument abgeschafft, dass diese kostentreibend wären? Die Argumente klingen auf den ersten Blick lächerlich, aber dieser Eindruck entsteht, wenn man sich die Argumente und Ansichten der Wirtschaftsrechtler zu Gemüte führt.

Ich vermisse bei den Wirtschaftsrechtlern die oben erwähnten Wurzeln. Man tut so als ob das menschliche Zusammenleben nur von der Frage getragen sei, was wirtschaftlich nützlich sei. Ich möchte nicht den Studenten dieses Studiums pauschal vorwerfen, er sei sich seiner Verantwortung nicht bewusst, allerdings entsteht dieser Eindruck, wenn sich Wirtschaftsrechtler zu „rechtfertigen“ versuchen(„Der Staat hindert nur die Wirtschaft“ etc.)

Man tut so, als ob der demokratische Rechtsstaat einfach so vom Himmel gefallen wäre und eine absolute Konstante ist, die unabänderbar, ohne Zutun von irgendwem, besteht. In Wirklichkeit ist der Rechtsstaat hart erkämpft worden und es ist essentiell für die Zukunft diesen zu verteidigen und um diesen verteidigen können ist das „veralte, nutzlose, klassische“ Jusstudium sicherlich um Längen, wenn nicht um Kilometer, besser als Wirtschaftsrecht.

Ich bin mir meiner demokratischen Verantwortung bewusst, aber auch ein Wirtschaftsrechtler? Ich glaube ein Wirtschaftsrechtler sieht den Rechtsstaat nicht als persönliche Verantwortung, sondern reduziert ihn, als Instrument, um die wirtschaftlichen Forderungen seiner Klienten durchzusetzen.

Und wer verteidigt den Rechtsstaat? Richtig, wir die „veralten, nutzlosen, klassischen“ Jusstudenten. Die Wirtschaftsrechtler sollten uns dankbar sein, dass es Menschen gibt, die ihr Instrument, den Rechtsstaat, verteidigen. Ohne uns Tiefwurzler könntet Ihr, im wahrsten Sinne des Wortes, baden gehen!

Hinter diesem Hintergrund erübrigt sich für mich die Frage, welches Studium „sinnvoller“ ist. Glaubt weiterhin an eure Überlegenheit und drückt eure gesellschaftspolitische Verantwortung weiterhin in Bilanzen, Nutzen/Kosten- Rechnungen usw. aus!

3 Comments

  1. Wer hat’s erfunden? Die Römer … so schauts aus !

    ps: hab mir erlaubt den Beitrag optisch ein wenig aufzuwerten (soweit dies überhaupt möglich war *schleim*).

  2. Ein amüsanter Beitrag, der zeigt, daß der Autor sich noch nicht einmal den Studienplan zur Hand genommen hat. Dann wüßte er nämlich, daß in Wirtschaftsrecht nicht alles dem Primat des “Profite-Machens” untergeordnet wird, sondern genauso Verfasssungs- und Verwaltungsrecht, Privatrecht, Europarecht, Strafrecht, Arbeits- und Sozialrecht usw gelehrt wird und daß es auch bei den Studien an der Wirtschaftsuniversität nicht immer nur darum geht, möglichst viel Gewinn zu machen.

    Im Übrigen sind drei der fünf WU-Professoren für Öffentliches Recht Verfassungsrichter (oder werden es bald) und “verteidigen den Rechtsstaat”: Prof. GrabenwarterProf. Lienbacher und Prof. Holoubek. Und dem VfGH wird sicher niemand unterstellen, das Recht nur aus der Sichtweise der “Wirtschaft” zu sehen.

    • @WolfB

      Natürlich weiß ich, dass Wirtschaftsrecht nicht nur aus “Wirtschaftsrecht” besteht. In meinem Beitrag stelle ich lediglich dar, wie die Studenten von Wirtschaftsrecht rüberkommen. Da höre ich nie Schlagwörter wie Verfassungsrecht, sondern immer nur “Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft”.

      Es kann schon sein, dass nicht alle so denken. Allerdings finde ich es bedenklich, dass jeder Wirtschaftsrecht-Student, mit dem ich zu tun hatte, auf dieselbe Weise argumentiert(Wirtschaft, Wirtschaft usw.). Ob Ihnen das vom Studium vermittelt wird oder nicht, kann ich nicht beantworten.

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